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sswp Kunst- und Medienzentrum Adlershof Berlin
     
28.01.2000 - Rede zur Ausstellungseröffnung „Siebensandwegepunkt - die Menschen sind heute nicht mehr verwurzelt, sondern vernetzt“
von Anna Elisa Heine in der Galerie in der Alten Schule, Kunst- und Medienzentrum Adlershof, Berlin


Anna Elisa Heine gehört zu den Protagonisten der Medienkunstszene.
Zusammen mit Thomas Born gründete sie 1988 die bildo akademie, eine der ersten privaten Hochschulen, an denen der Umgang mit den neuen Medien erlebt und studiert werden konnte.
Obwohl es heute bildo in der Form als ausbildende Institution nicht mehr gibt, existiert deren Credo in den künstlerischen Arbeitsweisen und Inhalten ihrer Gründer weiter. In diesem Jahr werden wir die Arbeit von beiden Künstlern vorstellen.

Anna Elisa Heine nennt ihre Ausstellung „Siebensandwegepunkt - die Menschen sind heute nicht mehr verwurzelt, sondern vernetzt“. Zweifellos also ist Anna Elisa Heine eine Medienkünstlerin. Aber was heißt das, wenn man eine Ausstellung betritt, in der für unsere Augen die analogen Bilder gegenüber den digitalen klar den Ton angeben?

Es wird heute schnell übersehen, daß auch die technischen und digitalisierten Bilder ihre Herkunft und Geschichte haben. Für Anna Elisa Heine ist Medienkunst eine „offene Situation“, in der die Bilder einen transitorischen Zustand bezeichnen. In diesem Sinn betrachtet sie ihre Ausstellung als eine räumlich erfahrbare Analyse der medialen Konstruktion von Wirklichkeit am Beispiel einiger von ihr realisierten Arbeiten.

Dabei zeigt sich, daß es ihr von Beginn an weniger auf perfektionierte Technologien ankommt als vielmehr auf eine inhaltliche Befragung der medialen Wirklichkeit.

Ihre Auseinandersetzung mit der technischen Bilderzeugung war also immer medienreflexiv und authentisch zugleich. Wollte man ihre Arbeit auf einen Punkt bringen, würde mir an erster Stelle ein Interesse an komplexen Zusammenhängen einfallen, für die sie formalästhetisch die geeigneten interdisziplinären und prozeßhaften Strategien sucht. „Eine Chronologie existiert nur außerhalb; wichtiger sind die Verbindungen, Vernetzungen, Verkettungen und Überlagerungen der Ideen und der Räume und Zeiten. Der Kontext ist meine Heimat, nicht ein Ort.“ So die Künstlerin.

Auch der Titel ihrer Ausstellung hier im Kunst- und Medienzentrum Adlershof ist so begründet. Der Siebensandwegepunkt benennt nicht nur einen Ort mitten im Wald, den sie während eines Stipendiums in Schloß Wiepersdorf gefunden hat. Er steht auch für die poetische Verdichtung einer 30jährigen künstlerischen Praxis, die sie auf einer CD-Rom als eigenständige Arbeit zusammengefaßt hat und in der Ausstellungskonzeption nachvollziehbar macht.

Wir befinden uns im Kern der Ausstellung und erleben gerade die öffentliche Uraufführung ihrer CD-Rom.

Als Eingangsmotiv wird von ihr Elias Canetti zitiert: „Der entscheidende, der eigentlich ufschlußreiche Moment im Leben eines Menschen ist der, in dem die disparaten Elemente, die er in sich trägt, die zerstreut und unverbunden in ihm herumliegen, sich plötzlich zu einem Kristall zusammenschließen. ( . . . ) Von diesem inneren Kristall wird er sich nie befreien können, und ob er durch ihn scheitern wird oder ihm schließlich entspricht, wird sich erst sehr spät, manchmal sogar erst lange nach seinem Tode erweisen, nämlich dann, wenn Sinn oder auch Unsinn seines Werkes anderen aufgeht.“

Aber der Siebensandwegepunkt ist kein Kristall. Er endet offen, jedoch bündelt er eine Schnittstelle, in deren Zentrum Anna Elisa Heine selbst, ihr Werk steht.

Die CD-Rom ist ein interaktives Informationssystem, das mit einer bestechenden Klarheit ausgestattet wurde. Zwei Jahre hat Anna Elisa Heine mit ihrem Produktionsteam an der Struktur und Programmierung gearbeitet. Das Ergebnis ist eine digitale Datenbank, die im Sinne der Lesbarkeit auf Information, Transparenz und Kommunikation setzt. Anders als die kürzlich gehypten Archivideen von Jonathan Meese oder Christine Hill, anders auch als die Erinnerungskonzepte eines Raffael Rheinsberg, dokumentiert die CD-Rom von Anna Elisa Heine ein künstlerisches Gedächtnis, das 4 Module mit 140 Werkdarstellungen, 70 davon mit Interaktionen, 147 zusätzliche Dokumentarfotos, 56 Minuten Video und 37 Textlisten umfaßt. Es ist also ein umfangreiches und komplexes Werk entstanden, in das wir durch die ungewöhnlich feinnervige Navigation auch problemlos eindringen können.

Die Programmarchitektur dieses Informationssystems ergänzt ein räumliches Ausstellungskonzept. In sieben Räumen wird auf die interaktive Nutzung der CD-Rom vorbereitet. Nach und nach ergibt sich eine Ahnung dessen, was die unsichtbaren Verbindungen und Hintergründe des medienkünstlerischen Werks von Anna Elisa Heine ausmacht. Man trifft auf die sog. Kontextare und Kontextarinnen, die für einzelne Werkgruppen und Zeiträume eine prägende Rolle gespielt haben. Im assoziativen Sehen und Nachdenken können sich Konstellationen zwischen den jeweiligen Personen, Textauszügen und Bildern erschließen. Koordinaten dieses Netzwerks bilden sieben Persönlichkeiten, die ihr Werk in verschiedener Weise, direkt oder indirekt beeinflußt, gefördert oder auch nur berührt haben.

So begegnet man z.B. dem Medienkünstler Thomas Born, der Anna Elisa Heines Arbeit seit den frühen 80er Jahren begleitet und inspiriert hat. Zusammen lernten sie KÜnstler wie Jochen Gerz oder Floris M. Neusüss kennen. Born war es auch, mit dem zusammen sie die Poesie der Medien entdeckte, und mit dem sie gemeinsam Projekte entwickeln konnte. Die großformatige Arbeit „Foto Video Digital“ von 1987 steht für das gemeinsame Gründungsprogramm der bildo akademie.

Neben dem Komponisten Wilhelm Killmayer, dem Kunstpädagogen und Maler Klaus Sliwka, der Fotokünstlerin Ruth V. Ward, Doris Lenz als Therapeutin und ihrem Bruder Bernd Heinevetter, der ihr die Liebe zur Fotografie vermittelte, steht die Architektin Lucy Hillebrand über einen langen Zeitraum mit ihr in Verbindung. Bei ihr beeindruckt sie die Selbstdisziplin und der Umgang mit Raum und Gestaltung. Die Werkgruppe „Der Tote darf nicht sterben“ wurde von Lucy Hillebrand unterstützt. Das Video gleichen Titels entstand unmittelbar vor dem Siebensandwegepunkt und gilt als noch nicht abgeschlossen. In einer Art Bild-Text-Collage setzt sie sich mit dem Tod auseinander. Dabei transformiert sie persönliche Geschichte auf eine poetische Metaebene, in der es um Fragen der Erinnerung, privater Geschichtlichkeit und ästhetische Phänomene geht. Letztlich überlagern sich und verschmelzen die einzelnen Fragmente im gesprochenen Text zu einem nicht mehr definierbaren, offenen Klangteppich.

Die Ausstellung kam mit der freundlichen Unterstützung der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, der bildo akademie für Kunst und Medien, der fhtw new media-Forschungsgruppe und TRIAD, alle Berlin, zustande.
Wir danken insbesondere dem Produktionsteam Thomas Born, Folkmar Hein, Anna Elisa Heine, Thomas Kemnitz und Jens Staeder.

Ute Tischler, Kuratorin